Sind Sie bereit, Überstunden zu machen?
Warum wird diese Frage gestellt?
Auf den ersten Blick klingt diese Frage simpel – doch dahinter steckt mehr als eine logistische Abklärung. Der Interviewer will herausfinden, wie flexibel und belastbar du wirklich bist. Besonders in Branchen mit saisonalen Spitzen, Projektarbeit oder knappen Deadlines ist das Engagement außerhalb der regulären Arbeitszeiten ein entscheidender Faktor für den Teamerfolg.
Gleichzeitig testet der Recruiter deine Selbstwahrnehmung und Ehrlichkeit. Wer blind „Ja, jederzeit!" antwortet, wirkt entweder naiv oder unüberlegt. Wer kategorisch ablehnt, signalisiert mangelnde Teamorientierung. Das Unternehmen sucht jemanden, der realistische Erwartungen mitbringt – und trotzdem zuverlässig liefert, wenn es darauf ankommt.
Im DACH-Raum spielt auch der rechtliche Kontext eine Rolle: Überstunden müssen in vielen Tarifsystemen vergütet oder ausgeglichen werden. Der Interviewer prüft also auch, ob du diese Rahmenbedingungen kennst und professionell damit umgehst – oder ob du dich unreflektiert auf fragwürdige Vereinbarungen einlässt.
So beantwortest du sie optimal
Die klügste Strategie ist eine konstruktive Zustimmung mit Kontext. Du zeigst Flexibilität, ohne dich bedingungslos zu verpflichten. Wichtig ist dabei, zwischen gelegentlichen Ausnahmesituationen und strukturell eingeplantem Mehraufwand zu unterscheiden. Frag ruhig nach, in welchen Situationen Überstunden typischerweise anfallen – das zeigt Weitblick statt blinde Gefälligkeit.
Verknüpfe deine Antwort mit konkreten Erfahrungen: Wann hast du in der Vergangenheit Mehrarbeit geleistet, und was hat das bewirkt? Das macht deine Flexibilität glaubwürdig, ohne wie eine leere Zusage zu klingen. Vermeide dabei Formulierungen wie „Ich lebe für meinen Job" – sie wirken übertrieben und unglaubwürdig.
Ein gutes Muster-Antwortbeispiel: „Grundsätzlich bin ich bereit, in wichtigen Projektphasen oder bei unvorhergesehenen Engpässen auch mal länger zu bleiben – das gehört für mich zu einer verantwortungsvollen Arbeitsweise dazu. In meiner letzten Stelle habe ich beispielsweise vor dem Produktlaunch mehrere Wochen mit erhöhtem Aufwand gearbeitet, damit wir den Termin halten konnten. Langfristig lege ich aber auch Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance, damit ich dauerhaft gute Leistung bringen kann. Darf ich fragen, wie häufig und in welchen Situationen Überstunden bei euch erfahrungsgemäß vorkommen?"
Wenn du nicht ehrlich antworten kannst
Manchmal gibt es private Umstände – Kinderbetreuung, Pflegeverantwortung oder gesundheitliche Grenzen – die regelmäßige Überstunden schlicht unmöglich machen. In solchen Fällen musst du nicht ins Detail gehen, solltest aber transparent sein: „Gelegentlich bin ich flexibel, regelmäßige Mehrarbeit über einen längeren Zeitraum wäre für mich persönlich schwierig zu stemmen. Ich würde mir wünschen, das gemeinsam im Rahmen klarer Absprachen zu gestalten." Diese Formulierung zeigt Grenzbewusstsein ohne Entschuldigungen.
Wenn du merkst, dass das Unternehmen strukturell auf unbezahlte Dauermehrarbeit setzt, ist das auch ein wichtiges Signal für dich: Passt diese Kultur wirklich zu dir? Eine ehrliche Antwort schützt beide Seiten vor einer Fehlbesetzung – und das ist im gegenseitigen Interesse.